1000km unsupported rund um die Schweiz – ein Erlebnis der Extraklasse.
Nach sechs Jahren im Kanton Zürich kehrte die Tortour im 2026 nach Schaffhausen zurück und zu meiner Freude gab es auch wieder eine Strecke rund um die Schweiz, die sogar unsupported angeboten wurde. Ganz nach meinem Geschmack und so meldete ich mich bereits im Sommer 2025 für den Wettkampf an.
Was heisst «unsupported» und «non-stop»
Unsupported heiss, dass man ohne Unterstützung unterwegs ist und nur das in Anspruch nimmt was allen öffentlich zugänglich ist. So darf man einkaufen, ins Restaurant oder ins Hotel gehen, aber nicht bei einem Kollegen übernachten der gerade in der Nähe wohnt oder jemanden einkaufen schicken oder dergleichen. Jeder kümmert sich selber um Essen und Schlafen. Speziell ist auch, dass Hotels erst nach Rennstart gebucht werden dürfen.
«Non-stop» bedeutet, dass die Uhr die ganze Zeit weiterläuft, bis wann man wieder im Ziel ist. Es gibt keine Unterbrüche/Pausen und sogenannte «Standzeiten» wirken sich massiv auf die Endzeit aus. Man versucht also möglichst alles auf dem Velo machen, z.B. Essen oder Zähneputzen. Lieber langsam rollen als stehenbleiben.
Material & Vorbereitung
Gutes und verlässliches Material ist matchentscheidend und nichts nervt mehr, wenn ein solches Vorhaben an schlechtem Material scheitert. Ich habe viel getüftelt und getestet. Gerade das ausgiebige Testen ist extrem wichtig. Kleidungsstücke oder ein Sattel kann bei zwei, dreihundert Kilometer problemlos sein. Bei 500 km sieht es aber plötzlich anders aus. Es lohnt sich also in der Vorbereitung auch mal 400-500 km gefahren zu sein.
Ein wichtiger Aspekt war für mich möglichst autark zu bleiben. So stattete ich mein Rad mit einem Nabendynamo aus, der mir auch ermöglichte mein Handy und Navigationssystem unterwegs aufzuladen. Dies kostet einige Watt, hat aber den grossen Vorteil, dass man keine schweren Powerbanks mitschleppen muss oder irgendwo anhalten muss um die elektronischen Geräte aufzuladen.
Verpflegung / Ernährung
Ich bin mit Essen für ca. 12h gestartet. Dabei habe ich ca. 80g Kohlenhydrate pro Stunde gerechnet, was in etwa einem Kilogramm Zucker entspricht. Hauptsächlich Sportnahrung, wie Riegel, Powergums, Pulver, Gels.
Spannend war, wie sich mein Appetit über die Zeit total verändert. Je länger das Race dauerte, je mehr hatte ich Lust auf salziges und deftiges. So stand ich Abends um 11 Uhr vor dem Selecta-Automaten in Grenchen und entschied mich für ein Pack Zweifel Chips und 2 Pack Salami Sticks und an der Tankstelle gab es Pastasalat anstelle Süsskram.
Schlafen / Halluzinationen
Es gibt verschiedene Schlafstrategien, wobei ich mir zwei Optionen zurecht gelegt hatte. Entweder 2-3 mal 20 Minuten Powernap oder 1×90 Minuten, was in etwas einem Schlafzyklus entspricht. Schlussendlich habe ich über zwei Nächte 2×20 Minuten geschlafen. Konkret bin ich die erste Nacht durchgefahren, was ich im Vorfeld schon praktiziert hatte und wusste was auf mich zukommen wird. Morgens zwischen 2 und 5 Uhr war die Müdigkeit sehr hoch und die Leistung liess spürbar nach, was auch mit dem Biorhythmus zu tun hat. Ich konnte es aber gut überwinden und sobald es Tag wurde wurde, war die Müdigkeit wieder weg.
In der zweiten Nacht war der Schlafdruck, dann so hoch, dass ich auf dem Velo fast eingeschlafen bin. Ich musste mich extrem anstrengen noch wach zu bleiben. Ich war bis dahin rund 42h wach. Dies war der Zeitpunkt schleunigst einen Schlafplatz für einen Powernap zu suchen. In einer Scheune legte ich mich hin, stellte den Timer auf 20 Minuten und bin innerhalb 2 Sekunden eingeschlafen. Ein solcher Powernap gibt dem Hirn kurz Zeit zu regenerieren und man fühlt sich wieder frisch. Dies hält dann nicht allzu lange hin und ich musste gegen moren einen zweiten Powernap einlegen.
Spannend waren auch die Halluzinationen die der Schlafentzug hervorruft. Plötzlich sah ich Menschen, Tiere oder irgendwelche Fabelwesen, die sich beim näherkommen als Hydrant, Busch oder Verkehrstafel entpuppten.
Schmerzen & Probleme
Irgendwann gibt es Schmerzen, keine Frage, diese sind jedoch vielseitig und mit verschiedener Ausprägung. Angefangen bei Unwohlsein durch die Anstrengung nach den vielen Stunden, ein flauer Magen oder einfach der Schlafmangel. Man fühlt sich etwas neben den Schuhen, ein wenig wie krank. Diese Empfindung schwank stark und kann durch Schlaf, Ernährung, Kühlung, etc. stark beeinflusst werden.
Die nächste Kategorie sind Schmerzen die durch die mechanisch Überlastung insbesondere an den Kontaktstellen zum Rad entstehen. Hände, Füsse, Gesäss und auch Muskelschmerzen. Alles Schmerzen die schnell nachlassen wenn die Belastung weg ist.
Mit diesen beiden Kategorien muss man dealen. Ablenkung kann helfen. Hier helfen auch die Endorphine und Schmerzen die man vielleicht nach 10h hatte, sind plötzlich verschwunden und bleiben bis zum Schluss weg.
Dann gibt es noch die dritte Kategorie, wo effektiv etwas aufgrund der Belastung nicht mehr standhält und unmissverständlich grosse Schmerzen verursacht. Diese Kategorie ist jedoch sehr selten und ich war zum Glück noch nie in dieser Situation. Eher glaube ich, dass man mit der Zeit mental schwach wird die obigen Schmerzen zu ertragen und in dieser Kategorie eine Ausrede findet aufzuhören.
Mentale Aspekte
Die Basis ist sicher ein leistungsfähiger Körper, der eine solche Belastung aushalten kann. Aber je länger das Race dauert, je wichtiger wird der mentale Aspekt. Meine Erfahrung zeigt, dass es hilfreich ist vor dem Race eine klare Vereinbarung mit sich selber zu treffen. Ich habe abgemacht, dass ich das Ding finishe, egal wie lange es dauert, auch wenn ich bis am Sonntag gebraucht hätte. Aufgeben war keine Option für mich.
Ich habe auf meinem Radcomputer einen Alarm mit Mitteilungen die mich motivieren und stärken. So z.B. habe ich ein Ritual wo ich mich bei meinem Körper bedanke indem ich jedes Körperteil durchgehe und einen Dank ausspreche und ihn bestärke, dass er einen super Job macht oder ihm eine Belohnung verspreche.
Weiter kann es helfen einen gewissen Sozialen Druck aufzubauen der antreibt, da man die vielen Leute die das Rennen verfolgen ja nicht enttäuschen möchte. Gerade auch die Familie die in der Vorbereitung viele Stunden auf mich verzichten müssen, möchte ich nicht enttäuschen, nur weil es gerade etwas «schwer» wird.
Marschtabelle & Renndynamik
Meine Marschtabelle ist gut aufgegangen, auch wenn ich im Rennen da nicht gross darauf geschaut hatte. Ich war dem Plan immer leicht voraus. Auf den ersten 6 Etappen baute ich einen Vorsprung von 3 h auf. Dieser reduzierte sich im Laufe der Etappen 7-10 wieder auf 19 min, ehe ich den Vorsprung auf den Plan in den letzten Etappen wieder auf 54min ausbaute (zweitletzte Spalte).
Dies entsprach auch ziemlich genau der Renndynamik. Irgendwann war ich auf Platz 1 gelandet mit einem komfortablen Vorsprung von 3:30 h. In der Folge nahm ich etwas Druck raus und trödelte doch etwas mehr. z.B. an Tankstellen wo ich mich gemütlich hinsetzte und meinen Pasta Salat futterte. In Folge rückte die Konkurrenz bis auf ca. 50 min an mich heran. Als ich dies auf dem Weg von Laufenburg nach Eglisau schwarz auf weiss im Leaderboard sah, war es an der Zeit den Nachbrenner zu starten 🚀 Am Ende kam ich mit gut 1:02 h Vorsprung ins Ziel.
Folgendes habe ich in der Berechnung berücksichtigt:
– Ziel-Power Fläche & Berg
– Systemgewicht
– Dauer für die Distanz
– Dauer für die Höhenmeter
– Terrain (wellig, hügelig, bergig)
– Ermüdungsfaktor
– 8% Pause
– 2×30‘ für Schlafpause

